Mehr als ein Monolog: 6 Beispiele für interaktive und wirkungsvolle Online-Lehrformate

In diversen technikpessimistischen Artikeln der letzten Wochen (Links am Ende des Texts) wurde ein Schreckensbild der digitalen Lehre gezeichnet:

Ein Prof steht einsam im Hörsaal und spricht in die Linse. Nur das rote Leuchten der Videokamera signalisiert ihm, dass er keine Selbstgespräche führt. (HAL 9000, anyone?) Am anderen Ende der DSL2000er-Leitung sitzen die Studis in ihren verwaisten Wohnheim- oder ehemaligen Kinderzimmern. Hören sie zu? Lernen sie? Man weiß es nicht. Sie haben ja nichtmal die Webcam an! Frechheit!

So kann akademische Lehre ja wohl nicht funktionieren, oder?!

Sosehr ich es auch verstehe, dass Lehrende wie Studierende sich den Normalzustand und die Wiederöffnung ihres Campus herbeiwünschen – das Bashing der digitalen Lehre als gesichtslose und „auf die lächerlichen Bildschirmmaße durchschnittlicher Notebooks“ begrenzte „Sparmaßnahme“ kann ich nicht auf mir sitzen lassen.

Ich unterrichte seit einigen Jahren. Erst als Nebenjob parallel zum Studium, mittlerweise als hauptberuflich selbstständige Dozentin und Kommunikationsberaterin. Meine bezahlten Aufträge (Workshops, Seminare, Beratungen) fanden bisher zu 95% offline statt. Jetzt hat sich die Rate auf 100% online gewandelt. Zum Glück habe ich schon früh in meiner privaten Weiterbildung gemerkt, wie gut Online-Workshops funktionieren können, und auch selber Online-Workshops konzipiert und angeboten. Deshalb fiel mir die Umstellung auf zwei digitale Uni-Seminare und diverse Online-Workshops nicht so schwer wie anderen.

Um den oben genannten Technikpessimisten und allen, die bisher skeptisch sind, ob online denn etwas bringt, einen Einblick zu geben, wie digitale Lehre aussehen kann, möchte ich hiermit einen Einblick in meine Seminarpläne geben.

Ich zeige hier sechs Formate, die ich in den letzten Wochen erfolgreich durchgeführt habe.

Ich möchte mir auf keinen Fall den Hut aufsetzen, hier besonders innovative Formate oder Methoden erfunden zu haben. Im Gegenteil – das ist nix neues und funktioniert offline ebenso. Aber darum geht es ja: Formate zu finden, die funktionieren. Die interaktiv sind, Spaß und Ergebnisse bringen. Keine Monologe! So, los geht’s:

1. Umgekehrte Sprechstunde

Kontext: In meinem Seminar „Digitale Kompetenzen (…)“ konzipieren und starten die Studis ein Medienprojekt ihrer Wahl, entweder als Podcast, Blog oder Instagram-Account. Die Grundkenntnisse über diese drei Medien sollen erarbeitet werden. Ich möchte daraus keinen Dozentenvortrag machen.

Ziel des Formats: Die Studis sollten sich in ein Thema selbstständig einarbeiten, sprich: bisheriges Wissen sammeln, Beispiele analysieren und daraus Erkenntnisse ableiten, recherchieren. Dafür habe ich sie in die jeweiligen Medien-Gruppen eingeteilt und ihnen Leitfragen mitgeben. Anhand dieser Leitfragen sollen mir die Gruppen bei der umgekehrten Sprechstunde etwas über „ihr“ Medium erzählen, bzw. meine Fragen beantworten. Es soll kein (!) Referat werden, sondern ein Gespräch. Im Anschluss machen wir eine normale Sprechstunde, in der ich die übrigen Fragen der Studis kläre, damit sie mit der Konzeptentwicklung für ihr Projekt weitermachen können.

Durchführung des Formats: Die Studis erhalten die Leitfragen und den Termin für ihre Mediensprechstunde. Sie sind dazu angehalten, sich mit ihrer Gruppe über die Recherche auszutauschen.

In Ilias haben die Gruppen ein Etherpad und einen Ordner, um Links und Dateien aus ihrer Recherche miteinander zu teilen. Zur Kommunikation steht ein Forum zur Verfügung; die Studis haben sich aber entschieden, über andere Wege miteinander in Kontakt zu stehen.

In der Sprechstunde entwickelt sich ein Gespräch anhand der Leitfragen.
Es muss nicht zwangsläufig jede Person zu jeder Frage etwas sagen, grundsätzlich wird aber auf eine gerechte Verteilung der Sprechanteile geachtet. Die Recherche soll ja der Vorbereitung des eigenen Projekts dienen, deshalb bietet es sich an, Rückfragen alá „Welche Vorteile siehst du dadurch für dein Projekt?“ zu stellen.

Geeignet für: Seminare, in denen die Gruppen nicht allzu groß sind. Themen, in die die Studis sich selbstständig einarbeiten können -> eingegrenzte Themen, praxisbezogene Themen, Themen mit vielen/gut erreichbaren Quellen.

Analoges Äquivalent: Referate (? Zumindest in der Theorie. In der Praxis sind Referate ja meist langweilig und die zuhörenden Studis nicht sehr diskussionsfreudig.)

Technik: Online-Meetingtool + LMS für Fragen, Material und ansychronen Austausch

2. 1:1-Sessions parallel zur Arbeitsphase

Kontext: In einem vierstündigen Workshop über Content- und Social-Media-Marketing für Gründer*innen war es der Veranstalterin wichtig, dass die teilnehmenden Teams jeweils noch ein bisschen 1:1-Zeit für eine individuelle Beratung bekommen. Ziel des Formats: Parallel zu den 1:1-Beratungen müssen die anderen Workshopteilnehmer*innen einen sinnvollen Arbeitsauftrag bekommen, den sie selbstständig bearbeiten können.

Durchführung des Formats: Im ersten Teil des Workshops wurden mehrere Punkte besprochen bzw. erarbeitet, die jetzt als Aufgabe dienen. Die Teilnehmer*innen haben die Wahl, ob sie eine Aufgabe, die am Anfang des Workshops angeschnitten wurde, weiterführen wollen oder ob sie mit der nächsten Aufgabe weitermachen wollen. So verhindert man, dass eine Gruppe schon fertig ist und sich langweilt. Da sie ihre Aufgabe selbst wählen können, sind die Teilnehmer*innen außerdem motivierter, sich auch unbeaufsichtigt der Arbeit zu widmen.

Die Gruppen werden in Breakout Rooms eingeteilt. Eine Moderatorin verschiebt mich jeweils in die nächste Gruppe, wo ich da. 5-12 Minuten bleibe und die Zwischenergebnisse kommentiere, Fragen beantworte oder Hinweise gebe. Wenn ich in einer Gruppe fertig bin, gehe ich selbstständig in den Hauptraum zurück und bitte die Moderatorin, mich der nächsten Gruppe zuzuordnen.

Geeignet für: Seminare/Workshops mit max. 10 Gruppen (5 Minuten pro Gruppe plus Zeit zum Hin- und Herwechseln = ca. eine Stunde). Die individuelle Arbeitsphase sollte nicht länger als eine oder anderthalb Stunden gehen.

Analoges Äquivalent: Herumgehen und mit einzelnen Gruppen leiste sprechen, während die anderen weiterarbeiten

Technik: Online-Meetingtool mit der Möglichkeit, Breakout Rooms einzurichten (z.B. Zoom) Moderator*in oder Assistenz für die Zuteilung der Räume.

3. Gemeinsames Coworking

Kontext: Für manche Menschen ist es schwierig, sich ihre Zeit selbst einzuteilen. Hier hilft es, sich zum Arbeiten an den jeweils individuellen Aufgaben zu verabreden.

Ziel des Formats: Produktives Arbeiten während und „Feierabend-Gefühl“ nach der Session.

Durchführung des Formats: In der simpelsten Form des Coworkings verkündet zu Beginn jeder der Mitmachenden, woran sie oder er in der Zeit arbeiten möchte, schaltet dann das Mikro aus (Kamera bleibt an!) und legt los. Wenn man will, kann man auch Pausen nach dem Pomodoro-Prinzip einbauen. Am Ende teilt man seinen Fortschritt, klopft sich virtuell auf die Schultern und verabredet sich ggf. zur nächsten Coworking-Session.
Geeignet für: Leute, die es wollen. Ich würde niemanden zum Coworken zwingen wollen.

Analoges Äquivalent: Coworking in einem Raum.

Technik: Online-Meetingtool

Hinweis: Das ließe sich mit einer Sprechstunde nach dem obigen Muster verknüpfen.

4. Gruppenarbeit synchron und asychron

Kontext: In meinem FAIRstrickt-Blogseminar sollen die Studis erarbeiten, was dazu gehört, ein Blog- oder Content-Konzept zu erstellen. Dafür werden sie in Gruppen eingeteilt, die sich jeweils mit einem Bereich (Zielgruppe, Themenfindung, Formatentwicklung, Look & Feel, Distribution) beschäftigt.
Ziel des Formats: Erarbeitung der Konzeptentwicklung und Vorbereitung der Redaktionssitzung, in der Entscheidungen zum Konzept getroffen werden können.

Durchführung des Formats: Die Studis konnten sich nach der letzten Sitzung selbstständig zu einer Gruppe zuteilen. Die Teams bestehen aus zwei Personen. In Ilias finden sie Lektüre und ein Dokument mit 2-3 Aufgaben pro Team/Thema. Diese Aufgaben sollen die Studis bearbeiten und in schriftlicher Form via Ilias abgeben. Zusätzlich gibt es ein Etherpad, in dem die wichtigsten Punkte des eigenen Themas gesammelt werden. Die Studis haben somit eine Übersicht über alle fünf Aspekte.

In der Redaktionssitzung stellt jedes Team ihr Thema nochmal kurz vor und gibt eine Einschätzung: Wie sollten wir das für unser Thema machen? Die Redaktion diskutiert und entwickelt so Schritt für Schritt gemeinsam das Konzept.

Dadurch, dass die wichtigsten Punkte schon vorher gesammelt wurden, muss der Vortrag der Studierenden nicht protokolliert werden.

Geeignet für: Gruppen, bei denen man das Thema in 3-6 Unterthemen mit je 2-4 Personen einteilen kann.

Analoges Äquivalent: Partnerarbeit, Referate; „Expertenmethoden“

Technik: Online-Meetingtool + LMS

5. „Verhör“ (mit Coaching Cards)

Kontext: Dies war Teil eines Workshops zum Thema „Digitale Öffentlichkeitsarbeit“ für Hochschulgruppen. Es nahmen ca. ein Dutzend Studierende von unterschiedlichen Hochschulgruppen teil. Zum Teil kannten sie sich untereinander, zum Teil nicht.

Ziel des Formats: Bevor wir zum eigentlichen Thema (digitale Öffentlichkeitsarbeit) kommen, möchte ich schauen, ob bei den Teilnehmer*innen die Basics der Öffentlichkeitsarbeit parat haben. Können sie ihre Organisation kurz und knackig beschreiben? Wissen sie, wer ihre Zielgruppe ist? Können sie die (Marken-)Werte benennen? Damit das kurz und actionreich passiert, arbeiten wir spielerisch mit einem „Verhör“.

Guter Nebeneffekt: Die Studis lernen die anderen Initiativen etwas besser kennen.

Durchführung des Formats: Als Material dienen hier die „Coaching Cards“. Ich habe sie schon vorsortiert und einen Stapel mit für Hochschulgruppen geeignete Fragen erstellt. Ich kündige das Formular spielerisch an („Hab hier ein paar Fragen mitgebracht… Mal gucken, ob ihr sie aus dem Stehgreif beantworten könnt… Zieht euch warm an!“) und mische die Karten.

Ich rufe eine Person auf (am besten mit einer selbstsicher/offen wirkenden Person beginnen) und lese ihr eine Frage von meinem Stapel vor. (Wenn die oberste Karte unpassend ist, kann ich auch eine andere Frage ziehen. Da ich die Gruppen schon ein bisschen kenne, kann ich eine spannende Frage auswählen.) Die Person überlegt und antwortet, ggf. begleitet von Kommentaren der restlichen Gruppe („Puh, schwierige Frage!“). Die restlichen TN werden dazu aufgefordert, sich Notizen zu machen, wenn die Frage bei ihnen eine Idee auslöst. Es wird spielerisch ein bisschen Druck oder Wettbewerbscharakter erzeugt, aber da es sich ja nicht um eine Prüfung handelt, ist es nicht schlimm, wenn ein TN eine Frage nicht beantworten kann. Er/sie erhält dann später eine neue Frage.

Die TN haben mir das Feedback gegeben, dass ihnen dieses Spiel viel Spaß gemacht hat.

Geeignet für: Gruppen mit lockerer Atmosphäre; nicht zu große Gruppen
Analoges Äquivalent: dasselbe in offline. Kann man zum Beispiel mit dem Gang in die Pause verbinden. (TN stellen sich an einer Reihe vor die Tür, wer die Frage richtig/gut beantwortet, darf in die Pause, ansonsten muss man sich wieder hinten anstellen.)

Technik: Online-Meetingtool. Am besten sind alle mit Kamera dabei.

Zum Schluss der härteste Brocken 😉

6. Hands-on-Workshop mit langen Übungsphasen und Ergebnisbesprechung

Kontext: Bereits letztes Jahr gab es für die Mitglieder dieser ehrenamtlichen Initiative einen Strategieworkshop zur Öffentlichkeitsarbeit (mit Fokus auf Social Media.) Mehrere Teilnehmer*innen sind privat wenig auf Social Media unterwegs und wünschten sich einen Hands-On-Workshop. Deshalb habe ich einen zweiteiligen Praxis-Workshop konzipiert, der die Themen Fotografie und Videografie mit dem Smartphone, Grafiken und Texten für Social Media umfasst. Der Workshop war für eine Offline-Durchführung konzipiert und wurde dann kurzfristig mit Zoom und Trello digitalisiert. In der Offline-Variante wäre ein gemeinsames Abendessen integriert gewesen. Deswegen hatte dieser Workshop mehrere, längere Pausen, damit die TN zwischendurch essen oder andere Dinge erledigen können.

Ziel des Formats: Die TN sollen Medien mit ihren Smartphones erstellen lernen, damit sie Material für die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Initiative erstellen können.

Durchführung des Formats: Die Termine aus der Offline-Planung wurden übernommen: zwei Nachmittage bzw. Abende mit mehreren Pausen zwischen 30 und 60 Minuten. Die gemeinsame Zeit im Meetingraum wurde für Input/Besprechung genutzt. Dann sollten die TN eine Übungsaufgabe bearbeiten und die Ergebnisse ins gemeinsame Tool (hier: Trello) hochladen. Pro Übungsphase gab es eine Liste, pro Teilnehmer*in eine Karte. Wer schnell fertig war, hatte umso länger Pause. Dadurch, dass alle Zugriff auf das Board hatten, konnte man bei den anderen „schnuppern“ und Lob/Feedback via Kommentar hinterlassen. In der nächsten gemeinsamen Phase konnten wir einzelne Ergebnisse gemeinsam angucken und nochmal besprechen.
Was offline viel einfacher gewesen wäre (einfach die anderen aufs eigene Handy gucken lassen), wurde online ein bisschen langwieriger (Zwischenschritt Upload), dafür sind die Ergebnisse jetzt auch gespeichert und können besser analysiert und besprochen werden.

Geeignet für: Gruppen, die mit einem LMS oder Projektmanagementtool vertraut sind und zwischen verschiedenen Tools switchen können.

Analoges Äquivalent: analog hätte man den Leuten einfach über die Schulter schauen können 😉 Hier ist offline definitiv einfacher.

Technik: Online-Meetingtool + LMS oder gemeinsam genutztes Projektmanagementtool


Ich hoffe, dieser Einblick in meine Methoden hat euch inspiriert. Ich freue mich über Diskussionen via LinkedIn oder Twitter.

Wenn ihr mich für einen Workshop buchen möchtet (z.B. zu den Themen digitale Lehre oder digitale Öffentlichkeitsarbeit), könnt ihr euch gerne melden.

Ich beziehe mich in der Einleitung auf folgende Texte:

Für die Vollständigkeit noch ein guter Artikel: Mein virtuelles Seminar – wie es ist und wie es sein könnte von Astrid Herbold (tagesspiegel.de)